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THOMAS

LAUBER

Wenn das Tor wie zugemauert wirkt – was der FC Basel aus mentaler Sicht gerade erlebt

  • Autorenbild: Thomas Lauber
    Thomas Lauber
  • 11. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Es beginnt immer gleich. Ein sauberer Pass von Shaqiri in die Tiefe, der Stürmer löst sich zum richtigen Zeitpunkt, der Abschluss kommt schnell und druckvoll. Aber statt Jubel folgt dieses kollektive Aufstöhnen im Joggeli. Wieder knapp vorbei. Wieder der Blick nach unten. Wieder dieses bis unters Tribünedach spürbare «Nicht schon wieder».


Bildquelle: fcb.ch


Beim FC Basel ist das in dieser Saison fast schon ein Muster. Die Mannschaft spielt sich Chancen heraus, aber die Tore bleiben aus. Besonders bitter trifft es die Stürmer. Moritz Broschinski wartet immer noch auf sein erstes Meisterschaftstor. Albian Ajeti hat seit Oktober nicht mehr getroffen, obwohl mehr als genügend Chancen da gewesen wären. Wer Fussball nur oberflächlich betrachtet, sieht ein technisches Problem. Wer auf die Daten schaut, sieht eine Expected-Goals-Kurve, die eigentlich Tore am Laufmeter verspricht. Wer mental arbeitet, erkennt etwas anderes. Ein klassisches Leistungsblockaden-Phänomen, das im Spitzensport ebenso existiert wie im Alltag von Mitarbeitenden in KMU.


Warum aus vielen Chancen plötzlich keine Tore mehr werden


Es gibt eine gut belegte Tatsache aus der Sportpsychologie. Nicht die technische Fähigkeit entscheidet in Drucksituationen, sondern der mentale Zustand im Moment der Ausführung. Die Erkenntnis stammt aus hunderten Studien über Choking under pressure, unter anderem von Sian Beilock (University of Chicago). Je stärker ein Spieler bewusst darüber nachdenkt, nicht zu scheitern, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass er genau das tut.


Im Fussball heisst das: Ein Stürmer, der frei zum Abschluss kommt, hat in der Regel 300 bis 500 Millisekunden Zeit, um abzuschliessen. Das ist zu wenig für bewusste Analyse. Diese Aktion läuft aus dem impliziten Gedächtnis, also aus trainierten Bewegungsprogrammen. Kommt jedoch Angst vor dem Fehler dazu, schaltet das Gehirn um. Die Bewegung wird kontrolliert, der Fokus wandert auf das Vermeiden und nicht mehr auf das Ausführen. Studien zeigen, dass allein dieser Wechsel die Trefferwahrscheinlichkeit um bis zu 30 Prozent senken kann.


Genau das sehen wir beim FCB. Broschinski und Ajeti treffen nicht, weil sie es plötzlich verlernt hätten. Sie treffen nicht, weil sie beim ersten Fehlschuss das Vertrauen ins automatische System verlieren. Und weil sich dann etwas Zweites einschleicht.


Das Federer-Prinzip: Warum Fehler emotional neutral sein müssen


Wusstest Du, dass Roger Federer im Verlauf der Karriere lediglich 54% der möglichen Punkte geholt hat? Trotzdem wurde er mit dieser Statistik zum erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten. Nicht, weil er so viele Punkte nicht gemacht hat, sondern weil er sich sofort nach jedem Fehler auf den nächstmöglichen Punkt konzentriert hat. Federer hat Fehler systematisch entkoppelt von seiner emotionalen Bewertung. Das ist kein Zufall, sondern ein gelerntes Verhalten.


Für einen Stürmer bedeutet das: Die erste vergebene Chance darf nichts auslösen. Kein Ärger. Kein Grübeln. Kein Hinterfragen. Nur eine neutrale Rückkehr zum Plan. Im Gehirn nennt man dies Reframing. Ungünstige Interpretation raus, funktionale Reininterpretation rein. Studien der Universität Stanford zeigen, dass Athleten, die dieses Muster beherrschen, ihre Chancenverwertung signifikant verbessern, weil das Arbeitsgedächtnis weniger belastet ist und die Bewegungsabläufe automatisch bleiben.


Was passiert derzeit beim FCB hingegen häufig? Die erste verpasste Chance ist das mentale Startsignal für eine Abwärtsspirale. Die Körpersprache kippt, der Blick wird schwer, der Abschluss wird verkrampft und der nächste Fehlschuss verstärkt genau diese Schleife.


Das Selbstvertrauenproblem nach dem ersten Fehler


Selbstvertrauen wird nicht durch Tore aufgebaut, sondern durch wiederholte Erfahrung von Kontrolle. Die Psychologie bezeichnet dies als Self-Efficacy nach Albert Bandura. Und genau diese Kontrolle erleben Stürmer in Form guter Abläufe, nicht in Form des Endergebnisses.


Sobald ein Spieler jedoch beginnt, sich über das Ergebnis zu definieren, verliert er die Kontrolle. Der Kopf jagt der Torerwartung hinterher statt dem Abschluss selbst. Das ist vergleichbar mit Mitarbeitenden, die im Stress plötzlich auf Output statt auf Prozessfokus gehen und genau dadurch Fehler produzieren. Das Muster ist identisch wie im Fussball.


Wie man eine Torblockade mental löst


Es gibt drei zentrale Stellhebel, die wissenschaftlich gut abgesichert sind und exakt in dieser Situation helfen würden.


1. Fehlerneutralisierung in den ersten drei Sekunden


Mit einer mentalen Technik wird der erste Fehlschuss innerhalb von drei Sekunden neutralisiert. Kein Blick auf den Boden. Keine Selbstkritik. Stattdessen ein klarer, wertfreier Satz wie «Nächste Aktion. Gleicher Ablauf.»

Das Gehirn lernt, Fehler als Ereignis, nicht als Identität zu interpretieren.


2. Mikrovorspurung vor dem Abschluss


Stürmer, die vor dem Abschluss zwei bis drei Sekunden eine mentale Vorwegnahme ihres Bewegungsablaufs durchführen, erhöhen ihre Trefferwahrscheinlichkeit. Es muss nicht visualisiert werden wie in einer Meditation. Es reicht ein kurzes inneres Bild des finalen Bewegungsbogens. Je automatischer, desto stabiler. Hierzu werden Bilder, Bewegungen und Emotionen früherer Erfolgserlebnisse verwendet, über die schlussendlich jeder Spieler ausreichend verfügen sollte.


3. Kontrollfokus statt Ergebnisfokus


Ein Tor ist ein Outcome. Ein Abschluss ist ein Prozess. Prozesse sind steuerbar, Outcomes nicht. Teams, die dies verinnerlichen, steigern ihre Abschlussqualität signifikant. Ein Beispiel liefert Jürgen Klopps Liverpool. Dort wurde über Jahre konsequent der Fokus auf Verhalten statt Resultat gelegt. Die Effizienz im Abschluss stieg dadurch trotz unveränderten technischen Fähigkeiten.


Für den FCB bedeutet das: Solange der Fokus auf dem «Ich muss endlich treffen» liegt, bleibt der Druck zu hoch. Sobald der Fokus auf dem «Ich mache diesen Abschluss sauber» liegt, wird er leichter.


Ein letzter Punkt, den viele unterschätzen


Tore entstehen selten aus einer isolierten Chance, sondern aus einem mentalen Klima im Team. Wenn Spieler spüren, dass jeder Fehlschuss grosse Bedeutung hat, steigt die Fehleranfälligkeit massiv. Psychologen sprechen von sozialem Evaluationsdruck. Und der ist am höchsten, wenn das Umfeld ungeduldig wird.


Der FCB hat also kein Problem der Technik. Er hat ein Problem der mentalen Energieverteilung.


Was es jetzt braucht


Nicht mehr Abschlusstraining. Nicht mehr Flanken. Nicht mehr Schüsse aus der Distanz. Das sind Symptomebenen. Was es braucht, ist eine mentale Systematik, die drei Ziele erfüllt.

1. Fehler emotional neutralisieren

2. Automatische Bewegungsprogramme stabilisieren

3. Den Prozessfokus im gesamten Team verankern


Wenn das gelingt, kommt der Effekt, den man in der Sportpsychologie «Momentum Shift» nennt. Ein einziges Tor löst die Blockade. Die Spieler erleben wieder Kontrolle. Und plötzlich wirkt das Tor nicht mehr zugemauert.


Bis dahin bleibt eines sicher. Dasselbe Stadion, dieselben Fans, dieselbe Leidenschaft. Und ein FCB, der momentan mental näher am Durchbruch ist, als es die Formkurve vermuten lässt

 
 
 

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