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THOMAS

LAUBER

Was wirklich passiert, wenn du Ferien machst

  • Autorenbild: Thomas Lauber
    Thomas Lauber
  • 6. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Vor einigen Wochen konnte ich endlich aufatmen. Ein intensives, forderndes Projekt, das über Monate hinweg viel Energie und Aufmerksamkeit beansprucht hatte, war erfolgreich abgeschlossen. 


Danach standen zwei Wochen Ferien an. Bewusst geplant, um zur Ruhe zu kommen, den Kopf freizubekommen und die Strapazen der vergangenen Monate hinter mir zu lassen. 


Bevor ich in den Flieger stieg, frage ich mich: was passiert eigentlich wirklich in unserem Körper und Gehirn, wenn wir Urlaub machen? Wie erholt man sich am besten und macht es einen Unterschied, wie wir Ferien verbringen?


Zuerst das Chaos, dann die Stille

Wer kennt es nicht: Die ersten Ferientage fühlen sich seltsam an. Man sitzt noch im Auto oder liegt bereits am Strand, aber der Kopf rattert noch. Man denkt an offene To-dos, unbeantwortete E-Mails, den Kollegen, der sich vielleicht um meine Problem kümmern muss. Dies liegt an ganz normalen biologischen Prozessen. Unser Körper schüttet unter Dauerstress das Hormon Cortisol aus. Dieses hält uns wach, fokussiert und reaktionsbereit. Während eines intensiven Arbeitsprojekts pendelt der Cortisolspiegel konstant auf erhöhtem Niveau. Wenn die Belastung plötzlich wegfällt, braucht der Körper eine Weile, um dieses System herunterzuregeln. 


Manche sprechen auch von «Urlaubskrankheit», dem berühmten Phänomen, dass man ausgerechnet dann krank wird, wenn man sich Erholung gönnt. Das ist jedoch kein Zufall: Das Immunsystem, das unter Dauerstress etwas zurückgefahren wird, fährt hoch und dann merkt man erst, was der Körper alles aufgestaut hat.


Die ersten zwei bis drei Ferientage sind oft der biologische Reset: unangenehm, aber notwendig. Wer die Reaktionen in dieser Phase kennt, kann sie leichter akzeptieren statt dagegen anzukämpfen.


Was mit dem Gehirn passiert, wenn es endlich loslässt

Das Gehirn ist zwar kein Muskel, aber es verhält sich wie einer: Es braucht Erholungsphasen, um optimal zu funktionieren. Besonders interessant ist dabei das sogenannte Default Mode Network (DMN), ein Netzwerk aus Hirnregionen, das aktiv wird, wenn wir gerade nichts Konkretes tun. Im Alltag ist es oft unterdrückt, weil wir ständig auf Aufgaben fokussiert sind. Nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in unserer Freizeit, mit unserer Familie und unseren zahlreichen Verpflichtungen. 


In den Ferien, vor allem in ruhigen, reizarmen Momenten, darf dieses Netzwerk wieder aufblühen. Und genau dabei passiert etwas Faszinierendes: Das Gehirn verarbeitet Erlebnisse, verknüpft Gedanken, entwickelt neue Ideen. Viele Menschen berichten, dass ihnen ihre besten Einfälle unter der Dusche, beim Spazieren oder am Meer gekommen sind. Das ist kein Zufall, das ist das DMN bei der Arbeit. Ferien sind also nicht nur Faulheit. Sie sind, neurobiologisch gesehen, eine Art kreative Defragmentierung des Gehirns.


Die Frage ist nur: Wie lange braucht das alles eigentlich? Die Forschung liefert hier erstaunlich konkrete Antworten. Bis der Cortisolspiegel messbar zu sinken beginnt, vergehen in der Regel drei bis vier Tage, weshalb die erste Ferienwoche oft noch zäh und unruhig wirkt. Den eigentlichen Höhepunkt des Wohlbefindens erreichen die meisten Menschen laut einer Studie der Radboud Universität erst nach acht bis zehn Tagen. Das ist der Moment, in dem sich Körper und Geist wirklich eingependelt haben. 


Nicht alle Ferien sind gleich

Es gibt nicht «die eine» richtige Art, Ferien zu machen. Was für die eine Person Erholung bedeutet, ist für eine andere purer Stress. Dennoch lassen sich zwei grundlegende Modi unterscheiden und beide haben ihre Berechtigung.


Passive Erholung (z.B. Strand, Lesen, Schlafen, Nichtstun) senkt nachweislich den Sympathikustonus, also den Teil unseres Nervensystems, der für «Kampf oder Flucht» zuständig ist. Der Puls sinkt, der Blutdruck normalisiert sich, die Verdauung entspannt sich. Körperlich ist das Gold wert nach Monaten unter Hochdruck.


Aktive Ferien (z.B. Wandern, Reisen, neue Städte erkunden, Sport) wirken anders, aber nicht weniger kraftvoll. Neue Umgebungen fördern die Neuroplastizität: Das Gehirn bildet neue neuronale Verbindungen, wenn es ungewohnte Eindrücke verarbeitet. Wer mit dem Rucksack durch Thailand reist oder zum ersten Mal Wildwasser-Rafting macht, kehrt oft mit einem klareren Blick auf das eigene Leben zurück.


Der berühmte Post-Holiday-Blues

Zurück im Alltag wartet oft eine unliebsame Überraschung: das Hochgefühl der Ferien verpufft schneller, als man es sich wünscht. Studien zeigen, dass der positive Effekt auf das subjektive Wohlbefinden nach zwei bis vier Wochen meist wieder auf das Ausgangsniveau zurückgefallen ist. Das klingt ernüchternd, ist es aber nicht zwingend. Denn erstens geht es nicht darum, dass Ferien «für immer» wirken. Regeneration ist ein Zyklus, kein Dauerzustand. Zweitens lässt sich einiges tun, um den Übergang zu mildern: einen freien Tag nach der Rückkehr einplanen, die erste Arbeitswoche bewusst etwas ruhiger angehen, und – vielleicht am wichtigsten und am schönsten – die nächsten Ferien bereits grob einplanen. Allein das Vorfreude-Erleben aktiviert nämlich das Belohnungssystem im Gehirn und hält die Motivation hoch.


Meine eigene Erfahrung nach den zwei Wochen: Ich bin nicht «neu geboren» zurückgekehrt, wie es manchmal romantisiert wird. Aber ich habe gemerkt, dass ich Prioritäten klarer sehe, weniger Energie auf Kleinigkeiten verschwende – und dass ich wieder echte Freude an der Arbeit spüre. Das allein war die Erholung wert.

 
 
 

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