Psychische Ausfälle steigen. Und Gegenmassnahmen bleiben häufig aus.


42 Prozent der Schweizer KMU berichten in der AXA Arbeitsmarktstudie 2026, dass ihre Kosten durch Personalausfälle in den vergangenen fünf Jahren gestiegen sind. Bei Unternehmen mit 50 bis 250 Mitarbeitenden sind es sogar 62 Prozent. Gleichzeitig ist bereits gut ein Drittel der KMU mittelmässig oder stark von Ausfällen betroffen, die mit der psychischen Verfassung ihrer Mitarbeitenden zusammenhängen.
Solche Ausfälle können sich in sinkender Produktivität, reduzierten Betriebskapazitäten und steigenden Kosten beispielsweise in Form höherer Prämien bei der Krankentaggeldversicherung.
Diese spürbaren und sichtbaren Auswirkungen müssten eigentlich die Prävention beschleunigen. Das Gegenteil ist der Fall.
Nur 11 Prozent der KMU schulen beispielsweise ihre Führungskräfte gezielt im Umgang mit psychischen Belastungen ihrer Mitarbeitenden und Teams. Jeder vierte Betrieb ergreift sogar überhaupt keine spezifischen Massnahmen.
Das eigentliche Problem ist deshalb möglicherweise gar nicht fehlendes Bewusstsein. Viele Unternehmen wissen schlicht nicht, wie aus «Wir sollten etwas für die mentale Gesundheit tun» eine konkrete Verbesserung der Arbeitsfähigkeit und eine Reduktion der Personalausfälle im Alltag werden können.
Mentale Gesundheit fördern, aber was heisst das?
Der Begriff der mentalen Gesundheitsförderung ist wichtig. Gleichzeitig ist er für Unternehmen schwierig zu übersetzen. Denn die Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit gehen weit über den Arbeitsplatz hinaus. Die AXA-Studie zeigt das selbst: Private Belastungen werden mit 46 Prozent am häufigsten als Ursache psychischer Probleme genannt.
Gleichzeitig nennen die Unternehmen aber auch Faktoren, die sehr wohl im betrieblichen Einflussbereich liegen: hohe Arbeitsbelastung, Konflikte, mangelnde Wertschätzung oder Arbeitsplatzunsicherheit.
Die Konsequenz daraus sollte nicht sein, dass Unternehmen für die gesamte psychische Verfassung ihrer Mitarbeitenden verantwortlich sind. Sinnvoller ist vielmehr eine andere Frage: Welche konkreten Fähigkeiten helfen Menschen, auch unter normalen beruflichen Belastungen arbeitsfähig zu bleiben?
So wird das Thema für die Verantwortlichen plötzlich konkreter. Es geht um den Umgang mit Druck, um Konzentration, um Regeneration, um Schlaf und auch um Energie. Und schlussendlich um die Fähigkeit, sich vor anspruchsvollen Situationen gezielt zu aktivieren oder nach hoher Belastung wieder herunterzufahren und sich zu erholen.
Eigenverantwortung hilft, verlangt aber auch Selbststeuerung
Ein besonders interessantes Ergebnis der AXA-Studie betrifft Unternehmen, die Freiheit und Eigenverantwortung als Führungsprinzip verstehen. Nur 27 Prozent dieser Betriebe berichten, mittelmässig oder stark von psychisch bedingten Ausfällen betroffen zu sein. Bei Unternehmen ohne dieses Führungsprinzip sind es 43 Prozent. Die Studie zeigt damit einen Zusammenhang, jedoch keine Kausalität.
Gleichzeitig wird in Unternehmen mit Eigenverantwortung eine hohe Arbeitsbelastung häufiger als Ursache psychischer Belastungen genannt: 41 gegenüber 32 Prozent. Die Arbeitslast verschwindet durch mehr Autonomie also nicht automatisch, möglicherweise lässt sie sich jedoch besser bewältigen.
Genau hier wird Selbststeuerung relevant: Wer Freiräume nutzen soll, muss unter anderem priorisieren, die eigene Aufmerksamkeit steuern, mit Belastung umgehen und rechtzeitig regenerieren können.
Eigenverantwortung braucht deshalb Selbststeuerung. Und Selbststeuerung ist trainierbar.
Wissen bewirkt noch keine Veränderung
Viele Gesundheitsangebote enden dort, wo der eigentliche Alltag beginnt: beim Wissen.
Die sozialen Medien, Ratgeber in Print-Magazinen und Reportagen im Fernsehen und auf Youtube sind voll mit Ratschlägen zu Schlaf, Erholung oder Stressregulation. Wer diese Inhalte konsumiert, kann diese Fähigkeiten noch lange nicht dann abrufen, wenn sie effektiv gebraucht werden.
Entscheidend ist deshalb, über konkrete Methoden und Fähigkeiten zu verfügen, auf die zugegriffen werden kann, wenn’s darauf ankommt.
Eine gute Führung und vernünftige Arbeitsbedingungen bleiben unabhängig davon zentral. Sie ersetzen jedoch nicht die Fähigkeit des Einzelnen, mit unvermeidbaren Belastungen wirksam umzugehen.
Wer als Geschäftsführer, Personalverantwortlicher oder Führungskraft die Arbeitsfähigkeit langfristig stärken will, muss deshalb nicht nur Belastungen reduzieren, sondern gezielt Fähigkeiten aufbauen, mit denen Menschen Druck, Fokus, Erholung und Energie selbst steuern können.
Die AXA-Studie macht damit vor allem die Umsetzungslücke sichtbar: Zwischen dem Wissen um psychische Belastungen und dem systematischen Aufbau alltagstauglicher mentaler Fähigkeiten liegt noch viel Potenzial.



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