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THOMAS

LAUBER

Wenn das Aussergewöhnliche gewöhnlich wird

  • Autorenbild: Thomas Lauber
    Thomas Lauber
  • 28. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

Letzte Woche war ich joggen. Gut anderthalb Stunden, etwas über 15 km, ich war zufrieden mit mir. Bis ich abends den Feed aufgemacht habe. Auf Youtube wurde mit Liveübertragung 600 km durch die Wüste von Nevada nach Los Angeles gejoggt. Später auf LinkedIn postete jemand, wie er in 24 Stunden rund um den kompletten Vierwaldstättersee gewandert ist. Und gestern auf Blick-Online sticht mir ins Auge, wie Simon mit seinem Fahrrad über 7000 km bis nach Kirgistan geradelt ist. Meine Zufriedenheit hatte eine Halbwertszeit von ungefähr vier Minuten.


Ich möchte diese Leistungen nicht im geringsten schmälern. Es ist beeindruckend, was Menschen erreichen, wenn sie sich entsprechend vorbereiten und diszipliniert dranbleiben. Aber ich frage mich, was diese permanente Hochleistungs-Beschallung mit uns macht, mit all jenen, die keinen Ultramarathon planen, denen aber bereits die Fahrt mit dem Velo zur Migros und zurück einiges abverlangt.


Warum unser Gehirn dabei verliert

Soziale Vergleiche sind Teil unserer Biologie. Unser Gehirn bewertet Leistung nie absolut, sondern immer relativ zu einem Referenzpunkt. Das ist evolutionär sinnvoll: Wer sich in der Gruppe einordnen kann, handelt klüger. Das Problem ist, dass soziale Medien diesen Mechanismus systematisch kapern.


Der amerikanische Psychologe Leon Festinger hat das bereits 1954 beschrieben. Wir neigen dazu, uns mit Menschen zu vergleichen, die uns ähnlich sind, und aus diesem Vergleich schliessen wir, wo wir stehen. Das funktioniert gut, solange der Vergleichsrahmen realistisch bleibt. Aber Algorithmen sind nicht an einem realistischen Referenzrahmen interessiert. Sie zeigen uns, was hängen bleibt. Und was hängen bleibt, ist das Aussergewöhnliche.


Die Folge ist eine schleichende Verschiebung der Wahrnehmung. Was früher als gute Leistung galt, eine Stunde Bewegung, ein langer Sonntagslauf, die Fahrradtour durchs Baselbiet, fühlt sich plötzlich wie Minimalstandard an. Nicht weil es einer ist, sondern weil der Massstab, an dem wir uns messen, lautlos nach oben gewandert ist. Der Begriff dafür lautet «upward social comparison», und er ist, wenn er zur Dauereinstellung wird, nachweislich mit niedrigerem Wohlbefinden, weniger intrinsischer Motivation und mehr Selbstzweifeln verbunden.


Was wir dagegen tun können, und was nicht

Die naheliegende Antwort wäre: Social Media weniger nutzen. Das mag stimmen, greift aber zu kurz. Das Problem ist weniger die Plattform als der Massstab, den wir unbewusst übernehmen.


Im Mentaltraining ist deshalb eine der wirksamsten Gegenmassnahmen das, was man «temporalen Vergleich» nennt: nicht ich heute versus irgendwer da draussen, sondern ich heute versus ich vor einem Jahr. Bin ich weiter? Tue ich heute etwas, das mir damals noch unmöglich schien? Dieser Vergleich ist ehrlicher, weil er auf echter Information basiert, auf dem eigenen Entwicklungsbogen, nicht auf dem kuratierten Highlight-Reel eines Fremden. Und hierfür können Apps wie Strava durchaus helfen. 


Das klingt einfach. Es ist es trotzdem nicht immer. Unser Gehirn greift lieber zu dem, was sofort sichtbar ist. Und die 600-km-Wüstenetappe ist nun mal sichtbarer als die eigene Ausdauer, die sich still von Monat zu Monat verbessert, aber auch Schwankungen unterliegt. 


Was bleibt

Festingers Theorie hat noch eine zweite, weniger bekannte Seite: Menschen suchen soziale Vergleiche nicht nur, um sich einzuordnen, sondern auch um sich zu orientieren, um zu wissen, wohin es noch gehen könnte. Insofern ist der Blick auf aussergewöhnliche Leistungen nicht per se schädlich. Er wird es erst, wenn man aufhört, den eigenen Fortschritt überhaupt noch zu sehen.


Schlussendlich ist Fortschritt, der zwar zu unspektakulär für den TikTok- oder Insta-Feed ist, trotzdem Fortschritt. Manchmal sogar der nachhaltigere.

 
 
 

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